Markus Müschenich
Dr. Watson erstmals im Echtbetrieb eines Krankenhauses
20.12.2011 11:00:31

Es wird immer spannender im Wettbewerb des Wissens zwischen Arzt und Maschine. Wie die Los Angeles Times berichtet, wird der IBM-Supercomputer Watson jetzt erstmals im Echtbetrieb eines Krankenhauses eingesetzt. So bekommt die Cedars-Sinai's Cancer Clinic in Los Angeles, die Möglichkeit, das Superhirn zu nutzen. Geplant ist es, die individuellen Informationen in der Krankengeschichte eines einzelnen Patienten mit der gesammelten medizinischen Literatur abzugleichen, um eine optimale Therapie sicherzustellen. Wie mächtig dieses neue IT-Werkzeug ist, zeigt die Rechenleistung, die die des menschliche Gehirns so weit übersteigt, dass innerhalb von drei Sekunden die Informationen von 200 Millionen Seiten Fachliteratur gesichtet und auf Relevanz für einen einzelnen Patienten überprüft werden können.

Watson ist allerdings wesentlich mehr, als eine Suchmaschine für medizinische Informationen. Dank Sprachsteuerung und künstlicher Intelligenz hat er die Potenz, bereits in die Anamneseerhebung in Echtzeit eingebunden zu werden. Seine Alltagstauglichkeit bewies Watson, als er Anfang 2011 in der amerikanischen Wissens-Show Jeopardy mit deutlichem Vorsprung gegenüber seinen menschlichen Konkurrenten gewann.

Fazit: Während in Amerika das Zeitalter der Expertensysteme zum Wohle schwerkranker Patienten eingeläutet wird, befindet sich Deutschland mit seinem – behauptet – besten Gesundheitssystem der Welt weiterhin auf dem Niveau einer Kladde. Denn selbst, wenn IBM seinen Supercomputer verschenken würde, zum Einsatz könnte er bei uns gar nicht gelangen. Denn eine vernünftige elektronische Patientenakte  - als Voraussetzung für die Integration von Patienteninformation auf der einen und Expertenwissen auf der anderen Seite - sucht man in Deutschland immer noch vergebens.

Wer das Blog nicht vollständig verfolgt hat, der sei auch auf den Beitrag vom 20.10.2012 „Dr. Google“ hingewiesen. Denn es geht hier nicht um Bits und Bytes, es geht vielmehr um die Frage, wann und wie das Gesundheitswesen endlich im Informationszeitalter ankommen wird. Und welche Mitspieler im großen Milliardenspiel dazu kommen und welche degradiert oder ganz vom Platz geschickt werden.



Tags: Watson | IBM | Gesundheitswesen | Patient | Experténsystem | Medizin | Zukunft | Wettberwerb | Arzt | Maschine

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Markus Müschenich
Telemedizin powered by Bauer
19.12.2011 17:11:08

Während in Deutschland dem Mangel an qualifizierter Medizin auf dem Land mit beinahe maximaler Einfallslosigkeit - sprich fraglich wirksamen Vergütungsanreizen für niedergelassene Ärzte - begegnet wird, beeindruckt mich die USA. Hier fördert das Landwirtschaftsministerium mit mehr als 30 Millionen Dollar Projekte, die die medizinische Versorgung in ländlichen Gebieten verbessern helfen. Im Vordergrund steht dabei die Telemedizin. Über Videokonferenzsysteme sollen die Notfallaufnahmen der Krankenhäuser auf der einen Seite mit Schulen, Pflegeheimen und sogar Stützpunkten der Feuerwehr auf der andern Seite verbunden werden. Dabei geht es nicht nur darum, Leben zu retten, sondern auch die Attraktivität der ländlichen Regionen für Arbeitnehmer und deren Familien zu erhöhen. Ein Beispiel integrierter Gesundheitspolitik, von dem sich unsere Politiker eine Scheibe abschneiden könnten.



Tags: Videokonferenzsysteme | integrierte Gesundheitspolitik | Landwirtschaftsministerium | Land | Ärztemangel | Telemedizin

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Markus Müschenich
Mythos Solidarsystem - Wer arm ist, der stirbt früher
15.12.2011 17:07:31

Wer arm ist, stirbt früher. Die Deutsche Rentenversicherung belegt es nun schwarz auf weiß: Die Lebenserwartung der sogenannten Geringverdiener ist-entgegen dem allgemeinen Trend-in den letzten zehn Jahren gesunken. In den alten Bundesländern um 2 Jahre und in den Neuen Ländern um fast 4 Jahre. In Anbetracht der Tatsache, dass die Lebenserwartung in Deutschland über alle Bevölkerungsgruppen hinweg täglich um 6 Stunden (!) steigt, ist dies eine wirklich dramatische Information über ein Land, das sich rühmt, das beste Gesundheitswesen der Welt zu haben


Die Frage ist nun, was peinlicher ist: Die Tatsache, dass erst eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag dies in die Öffentlich bringt oder die Versuche eines Sprechers des Bundesarbeitsministeriums zur Schadensbegrenzung:  "Es gibt keinerlei belastbare Anzeichen dafür, dass der grundsätzliche Trend zu einer höheren Lebenserwartung quer durch alle Einkommensgruppen gebrochen wäre." Die genannten Zahlen seien "weder repräsentativ noch aussagekräftig, um belastbare Aussagen über die Lebenserwartung von Niedrigverdienern zu treffen". Die Daten deckten sich außerdem nicht mit den Daten des Statistischen Bundesamtes über eine steigende Lebenserwartung der Bevölkerung über alle Bevölkerungs- und Einkommensgruppen hinweg.


Fakt ist, dass bereits im Deutschen Armutsbericht 2008 folgendes zu lesen ist: „Zwischen Lebenserwartung und sozialem Status existiert insoweit ein statistischer Zusammenhang, als eine höhere Wahrscheinlichkeit eines früheren Todes (Mortalitätsrisiko) bei Gruppen mit relativ niedrigem Einkommen aufgrund des dort verstärkten Auftretens von Krankheiten und Risikofaktoren besteht."

Was aber hat die Politik mit dem Armutsbericht gemacht, den sie selbst in Auftrag gegeben hat? Sicher  zu wenig!  Statt zu handeln, und eine vernünftige Präventionsgesetzgebung auf den Weg zu bringen, wird per Endlosschleife auf den Autosuggestionsmodus geschaltet und wir hören gebetsmühlenartig, dass unser Gesundheitssystem das beste der Welt sei. Es hört sich dabei exakt so an, als ob einer der großen Automobilhersteller seine Motoren als die besten Verbrennungsmotoren der Welt anpreist. Dumm nur, dass doch eigentlich allen eines klar ist: Die Zukunft gehört dem Elektromotor. Und damit ist auch der weltbeste Verbrennungsmotor die falsche Antwort auf die Frage nach der Zukunftsfähigkeit. Noch dümmer, dass sich intelligente Strategen gar nicht  mehr mit Motoren abgeben. Die im Wettbewerb Erfolgreichen beantworten stattdessen ganz konkret die Frage, wie die Mobilität des Einzelnen  in der Zukunft sichergestellt werden kann.

Und so zeigt sich, dass selbst die profitorientierte Automobilindustrie menschenfreundlicher agiert als unser Gesundheitswesen.


Das Fazit lautet: Die Zukunft der Gesundheit interessiert nicht. Stattdessen vertraut die Politik Ihre Bürger einem Mythos an – dem Mythos eines Gesundheitssystems, das seinen Namen nicht einmal ansatzweise verdient hat.  Denn ein System, in dem eine abgestimmte, verbindliche und transparente Versorgung stattfindet, existiert nicht und kann unter den Rahmenbedingungen der Gesundheitspolitik auch nicht existent werden. Mythen sind eben selten alltagstauglich. Doch geht es bei der Gesundheitsversorgung nicht um eine Welt der Sagen und Legenden aus Mittelerde. Es geht um Bürger und Patienten, die die Hilfe eines modernen Gesundheitssystems dringend benötigen und im Selbstverständnis eines funktionierenden Solidarsystems auch erwarten dürfen.

Es sei denn, auch das System der Solidarität ist eigentlich nur ein Mythos.



Tags: Trend | Mythos | Solidarsytem | Gesundheitswesen | Armutsbricht | Rentenversicherung | Präventionsgesetz | Automobilindustrie | Lebenserwartung | Wettbewerb

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Markus Müschenich
Medizin passiert im Supermarkt - supermarket-based-medicin
30.11.2011 11:30:22

Es mag acht Jahre her sein, als wir von ConceptHospital ein Szenario veröffentlichten, in dem wir beschrieben, wie in Zukunft medizinische Leistungen auch im Angebot von Aldi zu finden wären: Der Kunde kauft seine Lebensmittel ein und anstatt vor oder nach dem Einkauf stundenlang im Wartezimmer seines Arztes zu sitzen, wird das Angebot des Supermarktes genutzt auch die entzündete Bindehaut oder der Halsschmerz begutachten und behandeln zu lassen. Das ganze passiert in sparsam eingerichteten Sprechzimmern, die irgendwo auf der Supermarktfläche eingerichtet werden und in denen Ärzte und Therapeuten ihren Dienst tun. Wir wurden für diese Idee belächelt und beschimpft. Die freie Ärzteschaft nannte es eine „Orwellsche Schreckensvision“. Wertgeschätzt wurde die Vision von denen, die wussten, dass die Amerikaner bereits begonnen hatten, in ihren Supermärkten und Einkaufsmalls auch Medizin zu machen.  

Nun gibt es die ersten Ergebnisse einer Untersuchung zur Inanspruchnahme der amerikanischen „retail-based health clinics“. Analysiert wurden die Daten von 13 Millionen Patienten. Heraus kam, dass das Modell bei den Patienten eine hohe Akzeptanz erreicht hat. So verzehnfachte sich die Anzahl der Patienten zwischen 2007 und 2009. Und nicht etwa die sozial schwächer gestellten nutzten die Gelegenheit, Shopping und Medizin zu kombinieren. Die höchsten Steigerungsraten verzeichnete die Gruppe der gesunden Erwachsenen mit hohem Einkommen.

Wir sind weiterhin überzeugt, dass gute Medizin im Alltag der Menschen aufgehoben sein sollte. Bei uns passiert das Gegenteil. Die Medizin stört die Abläufe in unserem Alltag und zwingt uns Wege auf, die wir nur gehen, weil es keine Alternative gibt. Warum also nicht die Alternativen anbieten - der Patient wird es uns bestimmt danken.




Tags: ConceptHospital | supermarket based medicin | Medizin und Alltag | Gesundheit im Supermarkt | retail-based health clinics | Diagnosen im Supermarkt | Diagnose bei aldi | Medizin bei Aldi

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Markus Müschenich
Dr. Ed bricht das nächste Tabu im Gesundheitswesen
29.11.2011 17:21:31

 

Der nächste Tabubruch droht dem Gesundheitswesen. Wie der Spiegel in seiner Printausgabe  und der Kurier aus Österreich auch online schreiben, startet ein deutscher Arzt von England aus eine virtuelle Arztpraxis. Per Internet können sich hier Patienten auch aus Deutschland und demnächst Österreich unter der Domain Dr Ed.com medizinischen Rat holen. Dabei soll es vor allem um Themen gehen, die  den Patienten vermeintlich peinlich sind. Also um Erektionsstörungen, Geschlechtskrankheiten und Haarausfall. Neben der Männergesundheit können sich  Frauen in Sachen Blasenentzündung und Pille an Dr. Ed wenden. Ein  standardisierter Fragebogen soll eine sichere Diagnose möglich machen und erleichtert die Dokumentation in der Online-Patientenakte. In diese können dann auch Fotos hochgeladen werden, die zur Diagnosefindung genutzt werden. Besteht der Verdacht auf eine Geschlechtskrankheit versendet Dr. Ed neutral verpackte Test-Kits an die Patienten. Die notwendigen rezeptpflichtigen Medikamente kommen via Versandapotheke. Kosten zwischen 9€ und 29€ entstehen bei Dr. Ed – so ist auf der website zu lesen – nur, wenn eine Behandlung durchgeführt wird. Die Diagnosestellung ist kostenlos. Um die Art der Telemedizin möglichst sicher zu machen, werden minderjährige Patienten sowie Patienten mit akuten Erkrankungen abgelehnt. Das Team von Dr. Ed ist rund um die Uhr erreichbar, beruft sich auf die Erfahrung von mehr als 200.000 telemedizinischen Konsultationen und ist als Online-Praxis durch die britische Care Quality Commission zugelassen.

Die Kollegen in Deutschland und Österreich laufen erwartungsgemäß Sturm und starten schon einmal eine kleinere Beschimpfungskampagne. Diese Art der Medizin sei "fahrlässig", "gefährlich" oder "katastrophal", ist zu lesen. Man könnte nun diskutieren, ab wann gute Medizin anfängt. Und sicher würde man sich schnell darauf einigen, dass ein gut ausgebildeter Mediziner, genügend Zeit für den Patienten mit seinen Beschwerden und Sorgen und natürlich eine ausreichende Kenntnis von Vorbefunden gute Medizin ausmachen. Dumm nur, dass gut ausgebildete Mediziner fehlen, die Zeit für den Patienten in der Kassenarztpraxis auf wenige Minuten begrenzt ist und Vorbefunde Dank der getrennten Sektoren regelmäßig nicht zur Verfügung stehen. Gute Medizin sieht also anders aus. Und so sitzen die Kritiker eigentlich in einem Glashaus. Warum sie trotzdem mit Steinen werfen? Vielleicht ärgern sie sich einfach nur, weil sich da wieder einmal wieder jemand die Rosinen aus dem Gesundheitskuchen gepickt hat. Also die Behandlung solcher Patienten, die Dank einfacher Diagnoseprozeduren besonders gewinnbringend sind. Vielleicht ist auch ein wenig Neid dabei, denn Dr. Ed hat nur Privatpatienten - also der Traum vieler Ärzte. Möglicherweise aber ärgern sie sich auch nur, weil sie nicht selbst auf die Idee gekommen sind. Denn täglich rechnen  unsere Kollegen in der Praxis eine Gebühr für die Beratung von Patienten ab. Und eben diese Beratung darf – ohne dass es weniger Geld gibt – auch telefonisch erfolgen. Der Schritt zu Internetsprechstunde ist also nur ein kleiner über den man sich sicher trefflich ärgern kann, wenn man ihn nicht als erster gegangen ist. Und außerdem zugeben muss, dass die Basis der Beratung mit eigener online Patientenakte, standardisiertem Fragebogen und hochgeladenen Diagnose-Fotos möglicherweise besser ist, als die telefonische Beratung zwischendurch.

Die Zukunft war diesmal zuerst in England, doch die Auslieferung an Deutschland hat schon begonnen.



Tags: Patientenakte | Internetsprechstunde | Telemedizin | Diagnose-Foto | Arzt | Patient | Praxisgebühr | Ferndiagnose | Domain Dr. Ed.com | Dr. Ed.com | virtuelle Praxis | Gesundheitswesen | Tabubruch | gute Medizin | Online-Praxis | Care Quality Commission | Versandapotheke

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Markus Müschenich
Der Patient ist Patient und leider immer noch kein Kunde
25.11.2011 22:23:35

Wer sich immer noch die Frage stellt, ob ein Patient nun Patient oder Kunde ist, kann jetzt die Antwort in einer Umfrage der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen finden. Dort steht es schwarz auf weiß: Patienten in Deutschland warten erst wochenlang auf einen Arzttermin, um dann noch mal lange im Wartezimmer sitzen zu müssen.

Damit ist klar: Der Patient ist sicher kein Kunde. Wäre er ein Kunde, würde man so nicht mit ihm umgehen.

Man stelle sich so etwas Profanes wie den Kauf eines Anzuges in einem gut sortierten Herrenausstatter vor. Was den Umsatz angeht, ist der Kunde hier zumindest grundsätzlich vergleichbar mit den Privat- und Kassenpatienten. Der eine kauft den edlen Zwirn von Zegna, der andere sorgt für den im Einzelfall deutlich geringeren Umsatz mit der Hausmarke. Nur dürfte das Geschäft sicher schon lange pleite sein, wenn dort die Öffnungszeiten denen einer Arztpraxis entsprechen würden und die Kunden so lange warten müssten, wie es im durchschnittlichen Wartezimmer üblich ist. Niemand wird der Behauptung widersprechen, dass nach einer Stunde Wartezeit in der Abteilung für Herren-Oberbekleidung der überwiegende Anteil potenzieller Anzugkäufer sich auf den Weg zur Konkurrenz gemacht hat. Wenn man sich nun auch noch verständigen könnte, dass der Leidensdruck bei der Auswahl eines Anzugs deutlich geringer ist als im Angesicht einer problematischen Erkrankung, könnte man auch sagen: Der Patient ist Patient und leider kein Kunde.

Warum aber verweigert die Ärzteschaft dem Patienten den Kundenstatus dort, wo er ihm auch moralisch zusteht? Denn gerade in der Argumentation warum der Patient eben kein Kunde ist, wird immer wieder auf die Ausnahmesituation eines Patienten hingewiesen. Auf die Sorgen und Ängste, die praktisch jeden Arztbesuch begleiten und eben nicht vergleichbar sind mit den positiven Emotionen beim Kauf eines Konsumguts.

Es kommt der Verdacht auf, dass der Patient deshalb kein Kunde sein soll, weil man einen Kunden eben nicht so schlecht behandeln kann, wie einen Patienten.

Die Vehemenz, mit der darauf hingewiesen wird, dass der Patient  auf keinen Fall zum Kunden werden darf, wird verkauft als Sorge um die Ökonomisierung des Gesundheitswesens. Der Patient könne im Übrigen seine Entscheidung nicht so treffen, wie sie der informierte Kunde täglich trifft. 

In Wirklichkeit zeugt diese Argumentation eher von der Angst der Ärzteschaft, dass sich der Patient zum Kunden entwickelt. Also zu einem Gegenüber, der eine verbindliche Gegenleistung für seine Krankenkassenbeiträge einfordert. Eine Gegenleistung, die nicht nur die Ergebnisqualität am Ende eines Behandlungsprozesses betrifft, sondern auch den Umgang mit dem Patienten auf dem Weg dorthin.

Doch anstatt den Patienten auch als Kunden ernst zu nehmen, werden die Signale ignoriert, die deutlich zeigen, dass sich der Patient schon längst auf den Weg gemacht, Kunde zu werden: Vor einem Arztbesuch wird Dr. Google befragt und danach der Doktor im Internet bewertet. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, lautet nun auch die Devise im Gesundheitswesen. Was könnte das Verhalten eines Kunden besser charakterisieren?!

So haben diejenigen den Patienten erst zum Kunden gemacht, die sich geweigert haben,  ihn auch als Kunden ernst zu nehmen.



Tags: Patient | Kunde | Ökonimisierung | Gesundheitheitswesen | Ärzteschaft | Krankenkassenbeiträge | Dr. google | Arztbesuch | Wartezimmer | Wartezeiten | Forschungsgruppe Wahlen

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Markus Müschenich
DR. GOOGLE
28.10.2011 10:46:28
Man fragt sich, welche Signale die Ärzteschaft noch braucht, um sich der Tatsache bewusst zu werden, dass sich ihr Geschäftsmodell auf dem Weg der weitgehenden Substitution durch eine neue Spezies an medizinischen Experten befindet. Wir können in der „WELT“ nachlesen, dass die Patienten immer häufiger erst Google und dann ihren Arzt befragen. Und während bei Google die Frage noch per Tastatur eingegeben werden muss, ist Apple mit seinem neuen iPhone schon in der Welt der alltagstauglichen Spracherkennung angekommen. Wer nun abwinkt und auf die fragliche Qualität der medizinischen  Informationen aus dem Internet hinweist, wird auch hier nur noch für kurze Zeit Recht behalten. Denn längst gibt es qualitätsgesicherte Angebote, die zumindest den Patienten darauf hinweisen, dass die letzte Sicherheit nur der Besuch beim Arzt bringen kann. Doch auch dies wird man nicht mehr lange behaupten können. IBM programmiert zur Zeit seinen Supercomputer „Watson“ zu einem medizinischen Expertensystem, das nicht nur das Wissen von tausenden von Ärzten vereint, sondern auch die Sprache des noch so einfach gestrickten Patienten verstehen wird. Wir werden unserem Gesundheitssystem wohl einen weiteren Sektor hinzufügen müssen. Einen Sektor, in dem die neuen Player der Gesundheitswirtschaft ihr Geld verdienen. Und diese heißen dann eben Google, IBM oder Apple. Unsere Gesundheitspolitiker werden nichts dagegen haben, denn die Gesetzeslogik spricht durchaus dafür. Im Sozialgesetzbuch steht schließlich, dass die Versorgung nur ausreichend, dafür aber wirtschaftlich sein muss. Bisher hieß das, dass Patienten nur im Krankenhaus behandelt werden dürfen, wenn sie so krank sind, dass sie schon fast auf die Intensivstation gehören. Operationen sollen möglichst ambulant vorgenommen werden und bevor der teure Facharzt konsultiert wird, ist der preiswertere Hausarzt aufzusuchen. Noch günstiger ist Dr. Google und der Preis für Dr. Watson ist sicher noch verhandelbar. Und wer das wirtschaftliche Argument für zu unappetitlich oder gar im Kampf um die Wählerstimmen für kontraproduktiv hält, der verweist auf den Ärztemangel. Denn besser Dr. Watson als gar kein Arzt.

Doch wir können die Entwicklung auch als große Chance sehen: Die Ärzteschaft hat die Möglichkeit, sich neu mit dem Begriff der primären ärztlichen Kompetenz auseinander zu setzen. Einer Kompetenz, die nicht in Bits und Bytes abbildbar ist und die viel mit Vertrauen und Menschlichkeit zu tun haben wird. 

Die Gesundheitspolitiker haben die Chance, sich endlich vom Gesundheitswesen des  Herrn Bismarck zu verabschieden und ein Gesundheitssystem zu schaffen, das seinen Namen verdient hat. Ein System, in dem der vernetzte Informationsfluss endlich die Leben retten kann, die im Gesundheitswesen heute noch verloren sind. Und der Patient steht nicht mehr vor der verschlossenen Tür einer Arztpraxis, die Ihr Budget bereits ausgeschöpft hat und deshalb Betriebsferien macht. Denn Dr. Google freut sich auf seine Patienten an 365 Tagen im Jahr – und zwar Tag und Nacht.

Siehe dazu auch einen Artikel auf Focus online.



Tags: Gesundheitspolitiker | Medizinische Expertensysteme | Apple | Doktor Apps | Gesundheitsinformationen | Gesundheitswirtschaft | Ärztemangel | ärztliche Beratung | Web 2.0 | Medizin | Vorsorge | gute Medizin | Gesundheitswesen | Krankheiten | Zukunft | Gesundheit | Dr. google

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Markus Müschenich
Endlich - die elektronische Gesundheitskarte kommt
30.09.2011 08:25:46

Fast zehn Jahre und wohl einige hundert Millionen Euro später ist es nun soweit - die elektronische Gesundheitskarte (eGK) wird ausgeliefert. Gestartet wurde die eGK am 3. Mai 2002 mit dem Anspruch, die Gesundheitsversorgung für den Patienten zu verbessern. Das elektronische Rezept, das die Verschreibung von tödlichen Medikamentenkombinationen verhindern sollte, war nur eine der historischen Visionen. Doch anstatt Leben wirklich zu retten, streiten sich Ärzte und Krankenkassen über solche Dinge, wie den Online- Abgleich von Stammdaten. Die Aktualisierung der neuen Adresse nach einem Umzug in eine neue Wohnung scheint eine höhere Priorität zu besitzen, als den Umzug auf den Friedhof zu verhindern. Und wem schließlich die Argumente ausgehen, um den Zugang der Ärzte zu lebensrettenden Informationen via eGK zu verhindern, der verbreitet kurzerhand die Überzeugung, dass Arbeitgeber die Karten hacken lassen werden, um sich über die Krankheiten der Mitarbeiter zu informieren. Wieder einmal zeigt sich, dass das Wohl des Patienten im Gesundheitswesen sicher nicht an erster Stelle steht. Beindruckend ist dabei die unfassbare Arroganz von Ärztevertretern, Kassenfunktionären und Gesundheitspolitkern. Denn diese halten scheinbar nicht nur die Patienten für einfältig und unendlich leidensbereit. Sie glauben darüber hinaus wohl auch, dass die Blockadehaltung zur eGK folgenlos bleibt. Die eGK hat ihre Chance gehabt. Sollte sie nicht schnell einen wirklichen Nutzen für den Patienten liefern, werden das andere tun. Die Player auf dem milliardenschweren Markt der Information stehen in den Startlöchern - und sind schon einen gewaltigen Schritt voraus. Denn die Daseinsberechtigung von Google, Facebook oder Apple basiert nicht darauf, dass das Bundesgesundheitsministerium diese Unternehmen gezwungen hat, Browser, Software und Apps zu entwickeln. Diese Unternehmen existieren, weil sie die Bedürfnisse der Nutzer erkannt, geweckt und befriedigt haben. Und das werden sie auch in Sachen Gesundheitsinformation erfolgreich tun: Medizinische Expertensysteme via Google, Elektronische Krankenakten in der Cloud von Apple und beim Doktor direkt auf dem iPad! Den lebensrettenden Medikamentencheck gibt es dann über den Facebook-Account. Wenn diese Unternehmen das wollen, werden sie es realisieren. Schneller, besser und sehr einfach für den Patienten. Und wer nun die moralische Frage im Kontext globaler Konzerne stellt, hat möglicherweise auf der einen Seite Recht. Doch muss er sich auf der anderen Seite auch die Frage stellen lassen, wer in der Zeit, die schon verschwendet wurde, mehr lebensrettende Informationen geliefert hat: die eGK oder Google?



Tags: Bundesgesundheitsministerium | Ärztevertreter | Kassenfunktionäre | Medizinische Expertensysteme | Cloud | Gesundheitspolitiker | Doktorm Apps | Krankheit | Gesundheit | Facebook | Apple | Google | Elektronische Krankenakte | Gesundheitskarte

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Markus Müschenich
Was wir von Facebook lernen sollten - und was passiert, wenn wir es nicht tun
27.09.2011 07:54:27

Facebook will Lebensarchiv werden, so war es auf SPIEGEL ONLINE  zu lesen. Gemeint ist die Timeline-Funktion, die zum Relaunch von Facebook gehört und den Nutzer animieren soll, sein ganzes Leben aufgereiht wie eine Perlenschnur online zu präsentieren. Von der Wiege bis zur Bahre - einschließlich der genauen Route der Hochzeitsreise und einem Button für Todesfälle. Alles für die Facebook-Freunde bereit gestellt. Zuckerberg hat es vorgemacht und beginnt seine Timeline mit einem Babyfoto. Gleichzeitig berichtet der führende amerikanische Blog für Entwicklungen in Sachen Web 2.0 über den geplanten „Read-Button“. Besucht ein Facebook Nutzer eine Website oder benutzt ein App, dann kann er dort den Read-Button anklicken. Mit der Folge, wann immer er diese Website erneut besucht oder das App nutzt, erfahren sofort und in Echtzeit alle seine Facebook-Freunde, was er gerade im Netz anstellt. Alles das hört sich im Kontext von Facebook kaum noch erträglich an, denn hier wird der ohnehin nur spärlich vorhandene Rest von Privatsphäre nun vollends öffentlich gemacht. Stellt man sich allerdings für einen Moment das Facebook-Lebensarchiv als Lebenskrankenakte vor, in der alle relevanten Gesundheitsinformationen vorhanden sind, und den Read-Button als perfekte Push-Applikation mit der alle neuen medizinischen Informationen noch während des Arztbesuchs heruntergeladen werden, dann kommen einem zwei Gedanken: Schade, dass das Gesundheitswesen nicht bereit ist aus der Welt des Web 2.0 zu lernen. Und zweitens: Wann wird Facebook ins Gesundheitswesen einsteigen? Neben der maßgeschneiderten Werbung könnte Facebook dann auch klinische Studien anbieten. Bei 800 Millionen Nutzern findet sich sicherlich eine statistisch einwandfreie Versuchspopulation.



Tags: Gesundheitsinformationen | Arzt | Arztbesuch | Read-Button | Web 2.0 | Gesundheitswesen | Krankheit | Gesundheit | App | Facebook | Lebenskrankenakte | Lebensarchiv

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Markus Müschenich
Heute in der Berliner Zeitung
22.09.2011 09:27:24
Heute greift die Berliner Zeitung mein Thema von gestern auf und fordert "DIe Igel Plage stoppen".

Tags: Gesundheit | Zusatzleistungen | Medizin | Arzt | Kosten | IGeln

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Markus Müschenich
Kritische Anmerkung zu IGel-Leistungen
21.09.2011 09:39:17

Wer sich mit dem Gesundheitswesen beschäftigt, der merkt an allen Ecken und Enden, dass das Geld fehlt. Erst fehlt es im System und dann auf den Konten von Ärzten, Krankenhäusern, Physiotherapeuten, Pflegediensten und so weiter. Es wundert so nicht, dass findige Köpfe auch findige Lösungen finden, um dieses Problem zu lösen. Dass systematische Lösungen hier durchaus individuelle Aspekte bedienen, beweisen die sogenannten Individuellen Gesundheitsleistungen - kurz IGel genannt. Was die Krankenkasse nicht bezahlt, wird dem Patienten privat in Rechnung gestellt. Die reisemedizinische Beratung, die Messung der Knochendichte, Vitamininjektionen oder auch die Bescheinigung für den Sportverein. Gut, dass das solidarisch eingesammelte Geld für gute Medizin und nicht für Wellness-Leistungen oder andere Freizeitaktivitäten ausgegeben wird. So haben wir dann auch ein bisschen Markt in der Planwirtschaft des Gesundheitswesens.

Dagegen spricht nichts, solange die Leistung im Einklang zwischen Patient und Arzt vereinbart wurde und die Vergütung mit der amtlichen Gebührenordnung konform geht. Doch was soll man davon halten, wenn in einem Newsletter, der sich speziell an niedergelassene Ärzte wendet, empfohlen wird, die Hausapotheke eines Patienten als IGeL-Leistung kostenpflichtig zu überprüfen. Immerhin gut 20 Euro – so war zu lesen -  wären bei einem 2,3fachen Steigerungssatz der Gebührenordnung  dabei drin. Allerdings müsse die Beratung mindestens 10 Minuten dauern und auch eine schriftliche Äußerung des IGelnden Arztes würde nicht schaden. Ich stelle mir vor, wie der Patient auf die Frage nach dem Inhalt des Arzneischränkchens,  auf die Pflaster, den Mückenspray, die Aspirintabletten und die Betablocker der verstorbenen Großmutter zu sprechen kommt. Der Hausarzt empfiehlt dann, die Betablocker zu entsorgen und sich für den Sommer eine  Zange zur Entfernung von Zecken zuzulegen. Möglicherweise werden noch drei bis fünf andere Medikamente, die ihr Dasein im Schränkchen fristen, besprochen und in einer schriftlichen Stellungnahme gewürdigt. Und nach mindestens 10 Minuten ist der Beratungsprozess kostenpflichtig zum Abschluss gebracht.

Meine spontane Gefühlsäußerung zu dieser Empfehlung  kann ich am besten mit dem Wort „Fremdschämen“ beschreiben. Denn leider war es nicht der Newsletter des Satiremagazins Titanic oder einer ethisch fragwürdigen Firma. Fazit: Wenn Ärzte sich tatsächlich soweit herablassen, dann ist unser Gesundheitswesen auf dem besten Weg sich abzuschaffen.



Tags: Arzt | kostenpflichtige Leistungen | Vorsorge | Gesundheit | IGel | Gesundheitswesen | Gebürenordnung | gute Medizin

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Markus Müschenich
Neues aus der Geschichte der Zukunft der Medizin
19.06.2011 00:00:00

Ein guter Freund war als Hautarzt in Bottrop niedergelassen. Gerne erzählte er von seinen treuen Patienten und immer wieder kam er zu dabei zur zentralen Frage, die alle Patienten gleichermaßen bewegte und die in der Regel auch als erste gestellt wurde. Sie lautete im Angesicht von Symptomen und vermuteten Krankheiten nicht etwa: „Was ist das, was so juckt und schmerzt? Vielmehr lautete sie: „Woher kommt das, Herr Doktor?“ Nun mag sich gerade die Medizin, die sich mit Hautkrankheiten beschäftigt, schwer tun mit der Darstellung von Ursachen. Bis heute sind die Erklärungen für die Entstehung von Neurodermitis, Schuppenflechte, merkwürdigen juckenden Hautrötungen und was die Patienten sonst noch in die hautärztliche Praxis treibt, manchmal doch eher rudimentär.

Doch ist die Neugierde der Patienten mehr als verständlich und seit der Aufklärung auch nicht mehr mit dem Hinweis auf Schuld und Sühne einfach zu befriedigen. Jeder von uns hat sich eine ähnliche Frage ganz sicher in seinem Leben schon gestellt. Und so ist der Arzt nicht nur gefragt, den Zustand der Krankheit zu beenden, sondern auch die Ursache zu ergründen. Und in der Anamnese macht sich der Mediziner dann gerne auf die Suche nach unmittelbaren Ursachen und trifft so auf die Stoffe, die Allergien auslösen, Tumoren zum wachsen bringen oder das Allgemeinbefinden unerträglich machen.

Während der Arzt den einzelnen Übeltäter sucht, der genau den Patienten Müller oder Meier krank gemacht hat, gibt es eine Gruppe von Wissenschaftlern, denen es herzlich egal ist, was ein Patient für eine Krankheit hat. Es sind keine schlechten Menschen, die das Einzelschicksal nicht schert. Es die sogenannten Gesundheitswissenschaftler. Und die behaupten gerne von sich selbst, dass sie mit einem einzelnen Kranken rein gar nichts anzufangen wissen. Es wundert nicht, denn ein Gesundheitswissenschaftler glaubt erst dann, eine Krankheitsursache gefunden zu haben, wenn hunderte, wenn nicht tausende Patienten auf einmal den Beweis antreten, dass Bakterium A Krankheit B oder Chemikalie C Krankheit D ausgelöst hat. Und wenn genügend Krankheiten der Ursache zugeordnet sind, wird es nicht etwa langweilig, denn dann geht es in der Abstraktion eine Ebene höher. Und so haben sich diese Wissenschaftler gedacht, dass es Sinn machen könnte die Ursachen in einzelne Gruppen zu klassifizieren.

Es ist ein Viergestirn, das uns den Strauß der Möglichkeiten aufzeigt. Zum einen sind es die Gene, die uns nicht nur ein individuelles Leben schenken, sondern gleich auch den Tribut zollen lassen. 20 von hundert Krankheiten sollen in unserem Genom verankert sein und im Laufe des Lebens dann irgendwann zu Vorschein kommen. Eine intime Schuld, für die wir – mangels Einfluss auf unsere DNS – trotzdem nichts können.

An weiteren 20 Prozent tragen die anderen die Schuld, nämlich jene, die unsere Umwelt verschmutzen und verseuchen. Via Nahrungskette, Hautkontakt oder Inhalation werden die Schutzbarrieren unseres Körpers überlistet. Leider merken wir dies erst dann, wenn wir uns entweder nicht mehr erinnern können, was wann auf uns einwirkte. Oder aber das krank machende Agens gehört schon so selbstverständlich zu unserem Alltag, dass wir resigniert haben und sehenden Auges das Verderben akzeptieren.

Und dann kommen die 50 Prozent, die amerikanische Forscher bereits vor Jahrzehnten als den großen Brocken auf dem Weg der Ursachensuche glauben identifiziert zu haben. Unschwer als die Hälfte zu erkennen und damit eigentlich dem Traum zugänglich fünf von zehn Krankheiten auszurotten. Doch dass hier die Mathematik/Algebra nicht wirklich weiter hilft, zeigt sich bei der Betrachtung des Begriffs, der hinter dieser Mutter aller Ursachen steht. Denn auch hier sind wir es, die Schuld auf sich laden und leider können wir uns nicht so herausreden, wie es bei den Genen als Ursache recht praktisch machbar erscheint. Das magische Wort, das den Wunsch, anderen die Schuld geben zu können, entzaubert, heißt „Lifestyle“. Der Lebensstil also soll es sein, der uns via Genuss und Unachtsamkeit die Krankheit als Nebenwirkung eines stillosen Lebens beschert.

Und damit hätten wir die drei Übeltäter, an denen das Gesundheitswesen doch nun bitte endlich anfangen sollte mit höchster Effizienz zu arbeiten. Die Gentechnik, die unsere Gene doch nun seit Craig Venter sie alle identifiziert hat und die ZEIT (oder war es die FAZ?) diese ganzzseitig abdruckte, arbeitet mit Hochdruck daran. Die Umweltplakette an der Windschutzscheibe unseres Autos und die Raucher-Aquarien an unseren Flughäfen lassen leise weitere Hoffnungen aufkeimen, dass auch das Thema Umweltschutz langsam Wirkung zeigen wird. Beim morgendlichen Gang zur Waage, dem Bezahlen der Mahnungen für das nicht genutzte Fitness-Studio oder auf dem Weg zu Glasscontainer mit der immer wieder erstaunlichen Anzahl an Wein- und Prosecco-Flaschen werden wir dann mit der brutalen Realität des inneren Schweinehunds konfrontiert. Es bleibt die Gespanntheit übrig, wie es weitergehen wird.

Wer aber nun eifrig die Prozente zusammengezählt hat, der wir die letzten 10 % vermissen. Auch die sind seit Jahrzehnten beschrieben. Und jetzt wird es erst recht kompliziert und lässt an das Beispiel vom Bock, der zum Gärtner gemacht wurde, denken. Sie ahnen es sicherlich. Für 10% unserer Krankheiten ist das Gesundheitswesen selbst zuständig. Und dazu demnächst mehr in einem der spannendsten Kapitel zur Geschichte der Zukunft in der Medizin.



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