Tag: Lifestyle

Markus Müschenich
Neues aus der Geschichte der Zukunft der Medizin
19.06.2011 00:00:00

Ein guter Freund war als Hautarzt in Bottrop niedergelassen. Gerne erzählte er von seinen treuen Patienten und immer wieder kam er zu dabei zur zentralen Frage, die alle Patienten gleichermaßen bewegte und die in der Regel auch als erste gestellt wurde. Sie lautete im Angesicht von Symptomen und vermuteten Krankheiten nicht etwa: „Was ist das, was so juckt und schmerzt? Vielmehr lautete sie: „Woher kommt das, Herr Doktor?“ Nun mag sich gerade die Medizin, die sich mit Hautkrankheiten beschäftigt, schwer tun mit der Darstellung von Ursachen. Bis heute sind die Erklärungen für die Entstehung von Neurodermitis, Schuppenflechte, merkwürdigen juckenden Hautrötungen und was die Patienten sonst noch in die hautärztliche Praxis treibt, manchmal doch eher rudimentär.

Doch ist die Neugierde der Patienten mehr als verständlich und seit der Aufklärung auch nicht mehr mit dem Hinweis auf Schuld und Sühne einfach zu befriedigen. Jeder von uns hat sich eine ähnliche Frage ganz sicher in seinem Leben schon gestellt. Und so ist der Arzt nicht nur gefragt, den Zustand der Krankheit zu beenden, sondern auch die Ursache zu ergründen. Und in der Anamnese macht sich der Mediziner dann gerne auf die Suche nach unmittelbaren Ursachen und trifft so auf die Stoffe, die Allergien auslösen, Tumoren zum wachsen bringen oder das Allgemeinbefinden unerträglich machen.

Während der Arzt den einzelnen Übeltäter sucht, der genau den Patienten Müller oder Meier krank gemacht hat, gibt es eine Gruppe von Wissenschaftlern, denen es herzlich egal ist, was ein Patient für eine Krankheit hat. Es sind keine schlechten Menschen, die das Einzelschicksal nicht schert. Es die sogenannten Gesundheitswissenschaftler. Und die behaupten gerne von sich selbst, dass sie mit einem einzelnen Kranken rein gar nichts anzufangen wissen. Es wundert nicht, denn ein Gesundheitswissenschaftler glaubt erst dann, eine Krankheitsursache gefunden zu haben, wenn hunderte, wenn nicht tausende Patienten auf einmal den Beweis antreten, dass Bakterium A Krankheit B oder Chemikalie C Krankheit D ausgelöst hat. Und wenn genügend Krankheiten der Ursache zugeordnet sind, wird es nicht etwa langweilig, denn dann geht es in der Abstraktion eine Ebene höher. Und so haben sich diese Wissenschaftler gedacht, dass es Sinn machen könnte die Ursachen in einzelne Gruppen zu klassifizieren.

Es ist ein Viergestirn, das uns den Strauß der Möglichkeiten aufzeigt. Zum einen sind es die Gene, die uns nicht nur ein individuelles Leben schenken, sondern gleich auch den Tribut zollen lassen. 20 von hundert Krankheiten sollen in unserem Genom verankert sein und im Laufe des Lebens dann irgendwann zu Vorschein kommen. Eine intime Schuld, für die wir – mangels Einfluss auf unsere DNS – trotzdem nichts können.

An weiteren 20 Prozent tragen die anderen die Schuld, nämlich jene, die unsere Umwelt verschmutzen und verseuchen. Via Nahrungskette, Hautkontakt oder Inhalation werden die Schutzbarrieren unseres Körpers überlistet. Leider merken wir dies erst dann, wenn wir uns entweder nicht mehr erinnern können, was wann auf uns einwirkte. Oder aber das krank machende Agens gehört schon so selbstverständlich zu unserem Alltag, dass wir resigniert haben und sehenden Auges das Verderben akzeptieren.

Und dann kommen die 50 Prozent, die amerikanische Forscher bereits vor Jahrzehnten als den großen Brocken auf dem Weg der Ursachensuche glauben identifiziert zu haben. Unschwer als die Hälfte zu erkennen und damit eigentlich dem Traum zugänglich fünf von zehn Krankheiten auszurotten. Doch dass hier die Mathematik/Algebra nicht wirklich weiter hilft, zeigt sich bei der Betrachtung des Begriffs, der hinter dieser Mutter aller Ursachen steht. Denn auch hier sind wir es, die Schuld auf sich laden und leider können wir uns nicht so herausreden, wie es bei den Genen als Ursache recht praktisch machbar erscheint. Das magische Wort, das den Wunsch, anderen die Schuld geben zu können, entzaubert, heißt „Lifestyle“. Der Lebensstil also soll es sein, der uns via Genuss und Unachtsamkeit die Krankheit als Nebenwirkung eines stillosen Lebens beschert.

Und damit hätten wir die drei Übeltäter, an denen das Gesundheitswesen doch nun bitte endlich anfangen sollte mit höchster Effizienz zu arbeiten. Die Gentechnik, die unsere Gene doch nun seit Craig Venter sie alle identifiziert hat und die ZEIT (oder war es die FAZ?) diese ganzzseitig abdruckte, arbeitet mit Hochdruck daran. Die Umweltplakette an der Windschutzscheibe unseres Autos und die Raucher-Aquarien an unseren Flughäfen lassen leise weitere Hoffnungen aufkeimen, dass auch das Thema Umweltschutz langsam Wirkung zeigen wird. Beim morgendlichen Gang zur Waage, dem Bezahlen der Mahnungen für das nicht genutzte Fitness-Studio oder auf dem Weg zu Glasscontainer mit der immer wieder erstaunlichen Anzahl an Wein- und Prosecco-Flaschen werden wir dann mit der brutalen Realität des inneren Schweinehunds konfrontiert. Es bleibt die Gespanntheit übrig, wie es weitergehen wird.

Wer aber nun eifrig die Prozente zusammengezählt hat, der wir die letzten 10 % vermissen. Auch die sind seit Jahrzehnten beschrieben. Und jetzt wird es erst recht kompliziert und lässt an das Beispiel vom Bock, der zum Gärtner gemacht wurde, denken. Sie ahnen es sicherlich. Für 10% unserer Krankheiten ist das Gesundheitswesen selbst zuständig. Und dazu demnächst mehr in einem der spannendsten Kapitel zur Geschichte der Zukunft in der Medizin.



Tags: Zukunft | Lifestyle | Gesundheit | Krankheiten | Gene | Gesundheitswisenschaft | Gesundheitswesen

Weiterlesen...


 

Twitter-MM3