Tag: Rentenversicherung

Markus Müschenich
Mythos Solidarsystem - Wer arm ist, der stirbt früher
15.12.2011 17:07:31

Wer arm ist, stirbt früher. Die Deutsche Rentenversicherung belegt es nun schwarz auf weiß: Die Lebenserwartung der sogenannten Geringverdiener ist-entgegen dem allgemeinen Trend-in den letzten zehn Jahren gesunken. In den alten Bundesländern um 2 Jahre und in den Neuen Ländern um fast 4 Jahre. In Anbetracht der Tatsache, dass die Lebenserwartung in Deutschland über alle Bevölkerungsgruppen hinweg täglich um 6 Stunden (!) steigt, ist dies eine wirklich dramatische Information über ein Land, das sich rühmt, das beste Gesundheitswesen der Welt zu haben


Die Frage ist nun, was peinlicher ist: Die Tatsache, dass erst eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag dies in die Öffentlich bringt oder die Versuche eines Sprechers des Bundesarbeitsministeriums zur Schadensbegrenzung:  "Es gibt keinerlei belastbare Anzeichen dafür, dass der grundsätzliche Trend zu einer höheren Lebenserwartung quer durch alle Einkommensgruppen gebrochen wäre." Die genannten Zahlen seien "weder repräsentativ noch aussagekräftig, um belastbare Aussagen über die Lebenserwartung von Niedrigverdienern zu treffen". Die Daten deckten sich außerdem nicht mit den Daten des Statistischen Bundesamtes über eine steigende Lebenserwartung der Bevölkerung über alle Bevölkerungs- und Einkommensgruppen hinweg.


Fakt ist, dass bereits im Deutschen Armutsbericht 2008 folgendes zu lesen ist: „Zwischen Lebenserwartung und sozialem Status existiert insoweit ein statistischer Zusammenhang, als eine höhere Wahrscheinlichkeit eines früheren Todes (Mortalitätsrisiko) bei Gruppen mit relativ niedrigem Einkommen aufgrund des dort verstärkten Auftretens von Krankheiten und Risikofaktoren besteht."

Was aber hat die Politik mit dem Armutsbericht gemacht, den sie selbst in Auftrag gegeben hat? Sicher  zu wenig!  Statt zu handeln, und eine vernünftige Präventionsgesetzgebung auf den Weg zu bringen, wird per Endlosschleife auf den Autosuggestionsmodus geschaltet und wir hören gebetsmühlenartig, dass unser Gesundheitssystem das beste der Welt sei. Es hört sich dabei exakt so an, als ob einer der großen Automobilhersteller seine Motoren als die besten Verbrennungsmotoren der Welt anpreist. Dumm nur, dass doch eigentlich allen eines klar ist: Die Zukunft gehört dem Elektromotor. Und damit ist auch der weltbeste Verbrennungsmotor die falsche Antwort auf die Frage nach der Zukunftsfähigkeit. Noch dümmer, dass sich intelligente Strategen gar nicht  mehr mit Motoren abgeben. Die im Wettbewerb Erfolgreichen beantworten stattdessen ganz konkret die Frage, wie die Mobilität des Einzelnen  in der Zukunft sichergestellt werden kann.

Und so zeigt sich, dass selbst die profitorientierte Automobilindustrie menschenfreundlicher agiert als unser Gesundheitswesen.


Das Fazit lautet: Die Zukunft der Gesundheit interessiert nicht. Stattdessen vertraut die Politik Ihre Bürger einem Mythos an – dem Mythos eines Gesundheitssystems, das seinen Namen nicht einmal ansatzweise verdient hat.  Denn ein System, in dem eine abgestimmte, verbindliche und transparente Versorgung stattfindet, existiert nicht und kann unter den Rahmenbedingungen der Gesundheitspolitik auch nicht existent werden. Mythen sind eben selten alltagstauglich. Doch geht es bei der Gesundheitsversorgung nicht um eine Welt der Sagen und Legenden aus Mittelerde. Es geht um Bürger und Patienten, die die Hilfe eines modernen Gesundheitssystems dringend benötigen und im Selbstverständnis eines funktionierenden Solidarsystems auch erwarten dürfen.

Es sei denn, auch das System der Solidarität ist eigentlich nur ein Mythos.



Tags: Wettbewerb | Lebenserwartung | Automobilindustrie | Präventionsgesetz | Rentenversicherung | Armutsbricht | Gesundheitswesen | Solidarsytem | Mythos | Trend

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